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O’Reillys Zeitzeichen (#10): Der unabhängige Cyberspace

„Governments of the Industrial World, you weary giants of flesh and steel, I come from Cyberspace, the new home of Mind. On behalf of the future, I ask you of the past to leave us alone. You are not welcome among us. You have no sovereignty where we gather.“

Mit dieser heroisch-revolutionären Ansage beginnt A Declaration of the Independence of Cyberspace, eines der frühesten und wichtigsten Internetmanifeste, veröffentlicht heute vor genau 20 Jahren auf einer WEF-Konferenz in Davos. Der Autor: John Perry Barlow.

Den älteren Lesern wird dieser Name sicher noch ein Begriff sein – für alle anderen muss hier eine Ultrakurzfassung seiner verrückten Vita genügen: Jahrgang 1947, (ehemaliger) Viehzüchter aus der Pampa von Wyoming, Religionswissenschaftler, Kumpel und Co-Songschreiber der legendären Hippie-Band The Grateful Dead, PC- und Netz-Freak, Co-Gründer der Digital-NGO Electronic Frontier Foundation (EFF), Autor, Speaker, Berater, liberal-libertäres Unikum.

Vielleicht brauchte es genau diesen Background, um damals – als das Neuland noch wirklich Neuland war – einen Text wie die Declaration zu verfassen:

„We are creating a world that all may enter without privilege or prejudice accorded by race, economic power, military force, or station of birth. We are creating a world where anyone, anywhere may express his or her beliefs, no matter how singular, without fear of being coerced into silence or conformity. Your legal concepts of property, expression, identity, movement, and context do not apply to us. They are all based on matter, and there is no matter here.“

Das waren mitreißende Worte – weswegen der Text damals auch zigtausendfach geteilt bzw. in Kopie gehosted wurde. Gleichzeitig war die Declaration reichlich naiv – sogar aus der Perspektive von 1996. Zum einen, weil das Internet seinen Ursprung bekanntlich in staatlicher bzw. sogar militärischer Infrastruktur hat (Stichwort: Arpanet). Zum anderen, weil der Staat schon immer in der Lage war, neue Medien für seine eigenen Zwecke zu nutzen und in nicht geringem Ausmaß zu kontrollieren – sei es auf direktem oder indirektem Weg.  So gab es dann auch in den letzten 20 Jahren rund um den Globus unzählige staatliche Angriffe auf die neue Cyberheimat. Knallhart wurden (vermeintliche und tatsächliche) Urheberrechtsverletzungen verfolgt, Inhalte zensiert und deren Multiplikatoren diskrediert respektive getrollt. Und das mit der Massenüberwachung hat auch äußerst gut funktioniert. Die Materielosigkeit stellte dabei selten ein Hindernis dar – im Gegenteil.

Soweit zum bösen Staat, den Barlow 1996 aus dem guten Cyberspace ausschließen wollte. Was jedoch viel interesanter und gruseliger ist: Es waren auch und gerade Barlows Adressaten (Nerds, Geeks, Techies, Entrepreneure, Netz-Visonäre), die daran beteiligt waren, den Geist der Declaration zu missachten oder moralisch flexibel umzuformen. Die von ihnen gegründeten bzw. mit ihrer Expertise an die Weltspitze geführten Tech-Firmen agierten schlussendlich machtbewusst und 100% marktkonform. Sie sammeln riesige Datenmengen, nutzen sie oft auf fragwürdige Weise – und geben sie auch schon mal an Regierungsvertreter weiter. Ob ihre Produkte und Diensleistungen mit dem Geist der Declaration in Einklang stehen, darf ebenfalls bezweifelt werden. In einer umfassenden Ideologiekritik des Barlowschen Erbes schrieb Jacob Silverman letztes Jahr in der Washington Post:

„The asymmetry, though, is everywhere – and it is especially strong in Silicon Valley, which has left people like Barlow behind. Its utopian visions long ago lost their countercultural, communitarian impulses. Today’s ambitions include Randian projects like secession, seasteading or private ‚innovation zones‘ where government regulations wouldn’t apply. Even when developers and venture capitalists vow that their new apps will ‚change the world‘, they are generally talking about making life easier for the millennial set. Uber is not exactly the ’new home of Mind.'“

Und nicht weniger hatte Barlow ja damals versprochen. Tatsächlich ging er 1996 sogar noch einen Schritt weiter. Am Ende seines Manifests sprach er von einer neuen, digitalen Gesellschaft:

„We will create a civilization of the Mind in Cyberspace. May it be more humane and fair than the world your governments have made before.“

Wer diese Sätze heute liest und anschließend einen Streifzug durch das moderne Web mit all seinen geschlossenen Ökosystemen, aufdringlichen Werbebotschaften, diskriminierenden Algorithmen und omnipräsenten Tracking-Tools unternimmt, der weiß: Barlows Ideen sind im Großen und Ganzen gescheitert.

Es kann aber nicht schaden, sich immer wieder an ihren (e)utopischen Kern zu erinnern – und mit Hilfe neuer Theoretiker (und Praktiker!) die noch verbliebenen schönen Teile des Netzes inklusive Communitys zu verteidigen.

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