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Pionierinnen der IT: Die Frauen von Bletchley Park

Teil 4 unserer kleinen IT-Geschichte: Gastautorin Annette Pohlke widmet sich darin den Dechriffierungsarbeiten im Bletchley Park während des 2. Weltkriegs. Zugegeben: Im Falle von Spionage und Abhörtechniken gibt es aktuelle Parallelen. Spannende Technikgeschichte ist es dennoch. P.S.: Hier gibt es Teil 1 zu Ada Lovelace, Teil  2 zu Grace Hopper sowie Teil 3 zum Programmiererinnenteam des ENIAC.

Bletchley Park liegt etwa 80 km nordwestlich von London. Hier befand sich seit 1939 die Government Code and Cypher School (GC&CS) – ein Vorläufer des heutigen britischen Geheimdienstes GCHQ. Im Verlauf des 2. Weltkrieges wurde an der Dechiffrierschule der geheime Nachrichtenverkehr Deutschlands und seiner Verbündeten dechiffriert und ausgewertet. Der bekannteste Mitarbeiter war vermutlich der Mathematiker Alan Turing, die bekannteste Errungenschaft seines Teams die Entschlüsselung der deutschen Chiffriermaschine „Enigma„.

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The Mansion – das Herrenhaus vom Bletchley Park. Tusche: Michael Oreal

Maschinen gegen Maschinen 

Wenn man sagt, der Code der „Enigma“ sei geknackt worden, dann ist dies irreführend. Durch die Formulierung wird der Eindruck erweckt, dass es an einem bestimmten Punkt möglich wurde, den geheimen Nachrichtenverkehr problemlos zu dechiffrieren. Dem ist aber nicht so. Die „Enigma“ hatte drei Rotoren (auch als „Walzen“ bezeichnet) und ein Steckerbrett, durch die der Klartext verschlüsselt wurden. Die Auswahl der Walzen (von 5 möglichen), ihre Position zueinander und die Verbindungen am Steckerbrett wurden täglich gewechselt. Die „Enigma“ musste also jeden Tag neu geknackt werden. Dies geschah, indem man alle möglichen Walzenstellungen durchprobierte. War der Tagesschlüssel gefunden, konnte dann der gesamte Nachrichtenverkehr dieses Tages entschlüsselt werden. Bei Tausenden von empfangenen Nachrichten pro Tag war allein das eine ungeheure Herausforderung. Dieser Aufwand war durch Menschen nicht mehr zu leisten, Maschinen mussten her, um die maschinelle Codierung zu brechen.

Die Computer der Codeknacker: „Bombe“ und „Colossus“ 

Bereits seit 1932 hatte sich der polnische Kryptologe Marian Rejewski mit der Decodierung der Enigma beschäftigt. Die Maschine, mit der er die verschiedenen Walzenstellungen durchprobierte, nannte er „Bomba“. Kurz vor Kriegsausbruch 1939 gaben die polnische Forscher ihr Wissen an die Briten weiter. Alan Turing und Gordon Welchmann verbesserten das Design der „Bomba“, indem sie noch mehr Enigma-Walzen hintereinander schalteten. Die „Turing-Bomben“ wurden dadurch groß wie Schränke, aber auch deutlich schneller.

Neben der „Enigma“ setzten die Deutschen für den Nachrichtenverkehr höherer Dienststellen außerdem die Lorenz-Maschine ein, die nicht drei, sondern zwölf Walzen hatte. Auch hier wurde der Schlüssel täglich gewechselt. Um ihn zu brechen, entwarf der britische Ingenieur Tommy Flowers wiederum den „Colossus“. Im Gegensatz zu den „Bomben“ gilt „Colossus“ als echter Computer, weil er elektronisch war, mit einer binären Logik arbeitet und programmierbar war.

Die Hütte 6 (Hut 6) heute. Hier wurde an der Dechiffrierung des Enigma-Codes gearbeitet (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Die Hütte 6 (Hut 6) heute. Hier wurde an der Dechiffrierung des Enigma-Codes gearbeitet (Bildquelle: Wikimedia Commons)


Frauenpower gegen Hitler

Die Mehrheit der Menschen, die in Bletchley Park arbeiteten, waren Frauen. Die meisten von ihnen waren weibliche Kriegsfreiwillige der Marine (WRENs). Die Bedienung der Rechenmaschinen lag fast ausschließlich in ihrer Hand. So bestand z.B. das Team, das mit „Colossus“-Computern arbeitete, nach Aussagen des dort beschäftigten Mathematikers Good aus circa 20 Kryptoanalytikern, 6 Ingenieuren – und 273 WRENs. Die WRENs bereiteten die Bänder für die Dateneingabe vor und überwachten den Betrieb der Maschinen. Auch an den „Bomben“ standen WRENs. Vereinzelt hatten Frauen auch leitende Positionen inne, wie etwa die Kryptologin Agnes Meyer Driscoll. Sie gehörte zu den führenden Mitgliedern des US-amerikanischen Teams, das mit einer eigenen Variante der „Bombe“ die Codes der „Enigma-M4“ knackte. Ohne die vielen Frauen an ihren Maschinen wäre der Sieg der Aliierten um vieles schwerer geworden.

Bletchley Park heute

geekatlasger.s Im Landsitz Bletchley Park befindet sich heute das „National Museum of Computing„, in dem historische (Groß-)Rechner ausgestellt werden – auch „Colossus“ ist darunter. Sowohl das ideelle Erbe als auch der Bestand an Gebäuden und verschiedenen geschichtsträchtigen Gegenständen wird heute von einer gemeinnützigen Stiftung, dem Bletchley Park Trust, verwaltet. Derzeit renoviert man die Häuser sehr aufwendig für rund 8 Millionen Pfund – Wired.co.uk berichtete erst kürzlich über die Fortschritte. Hintergrundinformationen – sowohl zu Bletchley Park als auch zum Computermuseum – gibt es übrigens auch in „Der Geek-Atlas“.

Über die Autorin:  Annette Pohlke ist Historikerin mit großem Interesse an Computern und Neuen Medien. Für ihr Studium der Interkulturellen Erziehungswissenschaft beschäftigte sie sich mit interkulturellem Lernen in der virtuellen Welt “Second Life”, über die sie eines der wenigen verfügbaren Fachbücher verfasste (Second Life. Verstehen, erkunden, mitgestalten / dpunkt). Zur Zeit arbeitet sie an einer Geschichte der Rechenmaschinen (und einer Promotion in Alter Geschichte).

 

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