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O’Reillys Zeitzeichen #08: Tablet-Träume ’94

Erinnert sich noch jemand an Knight Ridder? Nee, nicht dieses blinkende Auto mit Hasselhoff hinterm Steuer, sondern das amerikanische Medienunternehmen, mit zwei „d“. Bis zum Aufkauf durch McClathy vor ca. 8 Jahren gehörte es zu den wichtigsten Zeitungsverlegern in den USA und verfügte über eine beachtliche Online-Publishing-Abteilung mit Think Tank und allen Schikanen. Unter anderem publizierte Knight Ridder die bekannten Mercury News – die weltweit erste Zeitung, deren kompletter Inhalt (auch) komplett online verfügbar war.

Durch Zufall bin ich kürzlich wieder über ein 20 Jahre altes (und 2011 bei Youtube veröffentlichtes) Video gestolpert, in denen Medienpionier Roger Fidler und andere Vordenker bei Knight Ridder den modernen Zeitungs- bzw. Mixed-Media-Konsum auf Tablet-Computern ziemlich akurat voraussagen (fürs Protokoll: das WWW feierte zu dieser Zeit Einjähriges und wurde nur von einem Bruchteil der Bevölkerung genutzt):

Natürlich, ein paar der damaligen Prognosen waren allzu optistisch (Tablet-Kultur ab der Jahrtausendwende!) während einige tatsächliche Fortschritte nicht einkalkuliert wurden (wer braucht „electronic cards“ zum stationären Download einer Zeitung, wenn’s WLAN-Spots und 3G/4G gibt?). Im Großen und Ganzen ist die Vision aus dem Jahr 1994 jedoch erstaunlich und stimmig, vor allem bezüglich ihrer Grundgedanken.

„We may still use computers to create information, but we’ll use the tablet to interact with information – reading, watching, listening“ – genau so ist es. Und dabei steht uns praktisch unbegrenzter Speicherplatz zur Verfügung, wir greifen auf „enhanced content“ zu, wir können uns Inhalte auch vorlesen lassen. Und ganz wichtig: Jede Menge Feeds sowie dazu passende Clients und Recommender-Systeme ermöglichen ein hochgradig personalisiertes Leserprofil. Das Knight-Ridder-Video sieht sogar die Social-Komponente voraus: Spannende Inhalte aus digitalen Zeitungen, Zeitschriften etc. können/sollen kommentiert und geteilt (!) werden. Hallo Web 2.0!

Sehr spannend auch die wirtschaftlichen Aspekte des Knight-Ridder-Szenarios: Fidler und sein Team konstatieren, dass Zeitungen „keine Dinosaurier sind, sondern sich entwickeln können“. Dazu brauchen sie – neben guten, ausführlichen journalistischen Inhalten und „branded identity“ (auch dies ein sehr wichtiger Aspekt!) nur ein vernünftiges Geschäftsmodell, das auf „electronic ads“ und „coupon codes“ basiert. Gleichzeitig sollte dem Lesers der Übergang vom Holz- zum Digitalmedium via „bridge of familiarity“ möglichst leicht gemacht werden; Interface-Design ist also ein heißes Thema – und Rücksicht auf bereits bekannte Leselaunen- und fähigkeiten dringend geboten.

Statt darüber zu spekulieren, warum sich viele Vertreter der Medienbranche mit diesen Ideen und Erkenntnissen so lange so schwer getan haben, gebe ich zum Abschluss lieber noch ein paar Literaturtipps.

Für alle, die die „bridge of familiartiy“ noch nicht gefunden haben:

Für alle, die nicht nur konsumieren, sondern das Tablet-Universum mitgestalten wollen:

Für alle, die sich als Pioniere der digitalen Buchbranche sehen („We have moved from maybe-e to definitely-e in the publishing world“):

2 Kommentare

  1. Benjamin Wagener sagt

    Ich finde den Trend hin zum ePaper echt gut, weil mir Papierzeitungen und der Müll den sie verursachen, wie auch der Aufwand der mit ihrer Archivierung entsteht echt auf die Nerven gehen. Problematisch finde ich aber, dass etliche ePaper-Herausgeber auf Insellösungen im Rahmen von speziellen Apps und ePaper-Stores exklusiv für bestimmte Plattformen setzen. Es ist doch gerade zu absurd, dass man etliche ePaper nur mit Tablets einer bestimmten Größennorm und mit bestimmten Betriebssystemversionen erwerben kann und man dann z.B. mit einem vollwertigen und in der Funktionalität potentiell viel mächtigeren PC auf das Papiermedium beschränkt ist. Da muss sich meines Erachtens noch einiges tun.

  2. Alexander Plaum sagt

    Bin 100% d’accord. Für weniger Müll, mehr Web sowie offene & flexible Formate!

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