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Das Yarncamp & die Renaissance des Handarbeitskörbchens

 

Gerne gebe ich zu: Ich bin kein natural born knitter.“

Mit diesen Worten beginnt Verena Kuni ihr Buch „H3k3ln + Str1ck3n  für Geeks„, das wir hier bei O’Reilly im Herbst veröffentlichen. Und mit ähnlichen Worten begann ein Hangout, das ich kürzlich mit den Organisatoren des ersten Yarncamps führen durfte.

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Yarncamp? Ja: Ein Barcamp – rund ums Stricken, aber auch Häkeln oder Sticken oder oder oder … „Wir sind bewusst offen für alle Fadentechniken“, bekräftigte Lutz Staacke, der das Blog maleknitting.de betreibt und das Yarncamp mit initiiert hat. „Wir richten uns an alle, gerne Wolle und Garn zwischen ihren Fingern haben.“

Außer Lutz sind Rebekka Badenheuer-May, Sara Käfer und Romy Mlinzk im Orgateam. Und Romy ist es auch, die mir gleich zu Beginn die Angst nimmt. Wir tragen beide dunkle Erinnerungen an das Schulfach „Nadelarbeit“ mit uns herum, bei denen alle Arbeiten doch irgendwie unglücklich aussahen und schließlich auch unvollendet blieben. Auch wir sind keine national born knitter. 

Unglücklich und unvollendet: mein ambivalentes Verhältnis zum Stricken zeigt dieser Schal. Oder wirds nur ein Topflappen?

Unglücklich und unvollendet: mein ambivalentes Verhältnis zum Stricken zeigt dieser Schal. Oder wirds nur ein Topflappen?

Die anderen drei Yarncamper kennen das ebenso, stellt sich sofort heraus. Seien es die Socken, die den letzten Nerv rauben oder der Schal, der zwar lang werden soll, aber sooo lang, dass es sooo lange dauert? Und dennoch, irgendwann kam die Leidenschaft für Handarbeiten – oder wie es inzwischen weltweit heißt: Crafting – wieder auf. Ich habe im vergangenen Winter erstmalig wieder Strickunterricht bei der Mama genommen, die (ehemalige) Kollegin Claudia Wagner häkelt O’Reilly-Tiere, und auch Romy wagte sich längst wieder an die Nadeln.

Wir sind damit nicht allein: Seit rund zehn Jahren steigt das Interesse an Handarbeit. Neue Bücher, Zeitschriften oder Websites wurden publiziert, z. B. „Craft“- als Ressort des Make Magazines. Außerhalb der Szene fast unbekannt, veranstaltet das Netzwerk Ravelry.com regelmäßig Workshop-Wochenenden mit mehreren hundert BesucherInnen. Und in meiner Hometown beispielsweise trifft man sich unter dem Motto „Aachen strickt schön“ einmal jährlich zum Welttag des öffentlichen Strickens.

Kräftig dabei mitgeholfen hat – mal wieder – das Web. Es gibt viele sehr beeindruckende Strick-Blogs, ebenso wie für kleines Geld erhältliche Schnittmuster und Nähanleitungen. Es gibt Communites wie Ravelry. Und es gibt DIY-Shops wie Etsy und Dawanda. Hier kann man sich nicht nur inspirieren lassen, sondern mit den eigenen Werken auch noch andere glücklich machen.

Es wundert mich nicht weiter, dass alle aus dem Orgateam im Hauptberuf „was mit Social Media“ machen. Der Netzwerkgedanke treibt sie an, sie wollen die Szene zusammenbringen. Das Barcamp-Konzept kennen und schätzen sie seit vielen Jahren: „Dessen inhaltliche Freiheit“, sagt Rebekka, „bei der die Teilnehmer vor Ort entscheiden, welche Sessions sie durchführen, wollten wir unbedingt auch für unser Crafting-Event.“ Genau wie in den Web Communities kommen die Inhalte des Yarncamps also von den Teilnehmern selbst. Sie sollen im Mittelpunkt stehen, sie sollen sich weiter vernetzen.

Sehr viel schöner sehen dann schon diese Space Invaders aus, die uns die Häkelkünstlerin Denise Schynol geschickt hat.

Space Invaders statt Rosenranken: Wie Häkeldecken auch aussehen können, zeigt uns hier die Kölnerin Denise Schynol. Danke für die Einsendung!

Sara betont, dass die Szene längst nicht nur online funktioniert: „Sehr viele treffen sich auch in Strickcafés, in Woll-Lädchen“, sagt sie, und ich denke sofort an die Bekannte, die ihre Nähcommunity im örtlichen Handarbeitsladen trifft. “ Und noch mehr stricken alleine zuhause“, ergänzt Lutz. „Wir laden auch diese ein, aus ihrem stillen Kämmerlein heraus- und zum Yarncamp kommen.“

Und was ganz wichtig ist: Trotz steigender Beliebtheit von Stricken, Häkeln, Nähen & Co. ist keineswegs eine Rückkehr in Biedermeier & Spießigkeit zu fürchten. Heute werden nicht mehr (nur) Socken gestrickt, heute hat das Stricken noch künstlerische, feministische und politische Dimensionen hinzubekommen. Am bekanntesten ist sicherlich die Guerilla Knitting-Bewegung, bei der es darum geht, den öffentlichen Raum zurück zu erobern. Ähnlich des Guerilla Gardenings, bei dem Bürger die Blumenkübel ihrer Straße bepflanzen, umstricken Guerilla Knitter beispielsweise die meist graue „Stadtmöblierung“: Handläufe, Geländer, Laternen- und Ampelmasten. Und auch hier dekoriert man nicht nur, sondern transportiert vielmehr eine politische Botschaft. Einige Eindrücke zeigten Daniela Warndorf und Kiki Haas auf der diesjährigen Re:publica.

Fliegenklatschen, sonst nicht besonders dekorativ - ebenfalls von Denise Schynol

Fliegenklatschen, sonst nicht besonders dekorativ – ebenfalls von Denise Schynol

Die Szene ist so viel bunter und facettenreicher, als wir in einem Hangout überhaupt besprechen können. Wir haben den Kopf voller Geschichten und Projekte, voller eigener Erfahrungen und den Guerilla-Aktionen der „Craftistas“. Und um die weiter auszutauschen, werden wir uns auf dem Yarncamp treffen. Gemeinsam mit rund 80 anderen NadelarbeiterInnen. Unter allen verlosen wir vor Ort fünf Gutscheine für Verena Kunis Buch „H3k3ln + Str1cke3n für Geeks“, das dann Ende September 2013 erscheint.

Romy, Lutz, Rebekka, Sara: Ich danke Euch für das inspirierende Hangout & wünsche viel Erfolg beim ersten Yarncamp.

P.S.: Die Tickets zum Yarncamp sind leider schon vergriffen – einige Plätze sollen aber noch verlost werden. Infos auf der Mixxt-Seite und bei Facebook.

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  1. Pingback: oreillyblog » Yarncamp – das etwas andere Barcamp

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