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Festival, Museum, Weiterbildung: Ein Wochenende mit alten Kisten

Es gibt wahrlich viele Veranstaltungen, die im engsten und weitesten Sinne etwas mit IT zu tun haben: Große Messen und kleine Barcamps, Open Source-Konferenzen und Social Media-Meetups. Doch es gibt nur wenige Veranstaltungen, die alles sind: Ein fester Punkt im Kalender von Nerds und Geeks, ein Ausflugsziel für Familien und eine Weiterbildung für alle an Technik interessierten Menschen, speziell natürlich IT-Profis. Das  Computer Vintage Festival Europa -VCFe- ist eine Veranstaltung dieser Art – organisiert und nach Deutschland gebracht von Hans Franke. Wir freuen uns sehr, das VCFe in diesem Interview vorstellen zu dürfen:

Herr Franke, Sie organisieren seit 13 Jahren das Computer Vintage Festival Europa. Wie sind Sie dazu gekommen?

Ja, dieses Jahr haben wir tatsächlich das 13. VCFe. Ich staune jedes Jahr mehr. Angefangen hat alles durch einen Hinweis auf eine Meldung in einer Lokalzeitung im kalifornischen Livermore (bzw. deren Webseiten) auf das erste VCF in Pleasanton: „Kuck mal, die machen da drüben was wie Du“ hieß es. Auch ohne Google (AltaVista war damals die unangefochtene #1) hab ich die Webseite schnell gefunden und mit Sellam (damals noch Sam) Ismail, dem Organisator Kontakt aufgenommen. Eigentlich nur, um eines der T-Shirts zu bekommen. Das T-Shirt hab‘ ich bis heute nicht, aber aus dem Kontakt hat sich eine gute Freundschaft entwickelt.

1998 bin ich dann zum 2. VCF nach San Jose geflogen. Es war ein enormer Spaß, und es wurde eigentlich schnell klar, dass das auch in München möglich sein muss. Wie üblich ist die Idee erst mal wieder versandet, aber auf dem Besuch des nächsten VCF, 1999, habe ich wohl auf dem traditionellen Abendessen den Mund zu weit aufgerissen und von einem VCF in Europa schwadroniert. Da bin ich nicht mehr rausgekommen, also habe ich eine Halle gebucht und den (heute schon klassischen) Internet-Projektansatz gewählt und mal eine Seite mit einer einfachen Ankündigung erstellt.

Der Zuspruch war enorm. Leute, von denen man zehn oder mehr Jahre nichts mehr gehört hatte, entpuppten sich plötzlich als Brüder in der Idee. Im Unterschied zum kalifornischen VCF ist das VCFe von Anfang an als Gemeinschaftswerk angelegt. Das fängt beim Vortragsprogramm an, das sich aus der Community speist (ist auch einfacher so, die großen Namen der Geschichte wohnen nicht gleich um die Ecke wie im Silicon Valley), und endet bei „Großen Fressen“, dem traditionellen Bankett am Samstagabend.

Blick in die Ausstellung - das nächste VCFe findet am 28./29. April 2012 in München statt. Foto: Wolfgang Stief, CC0

Gleich beim ersten Mal eine Halle gemietet – dazu noch Programm & Social Event: Klingt nach gehörigem finanziellen Aufwand und viel Mut Ihrerseits. Wie wird das Festival finanziert?

Finanziell ist das VCFe auf Kostendeckung ausgelegt. Und oh Wunder, im letzten Jahr ist das auch erstmals gelungen. Zumindest, solange man die Zeit der Helfer und andere Eh-da-Kosten nicht mit einbezieht. Die Einnahmen kommen dabei hauptsächlich durch die Besucher – ein verregneter Samstagmorgen, so dass niemand in die Berge fährt, wie 2011, ist da sehr hilfreich. Die Aussteller tragen auch durch einen freiwilligen Beitrag bei.

Was unterscheidet das VCFe von den vielen anderen Treffen der IT-Szene?

Das VCFe ist nicht marken- oder herstellergebunden wie viele andere Treffen, sondern offen für die Vielfalt. Wichtiger dürfte aber sein, dass sich das VCFe nicht nur an Sammler und Bastler richtet, die sich dort mit Ihren Mitbringseln treffen, sondern an Jedermann, der die alten Schätzchen sehen will, mal seinen Kindern zeigen will, was Papa so in der Jugend hatte, oder einfach nur offen ist für einen sehr hemdsärmeligen Zugang zur Technik.

Die Aussteller sind angehalten, ihr Thema für den Besucher verständlich aufzubereiten. Insofern hat das VCFe schon was von einer Messe. Eine Messe dessen, was man mit der Technik machen kann. Was auf dem VCFe keinen Platz hat, ist Mengenhuberei. Wenn es darum ginge, könnte ich die Halle alleine mehrfach mit alter Technik füllen – und einige der Teilnehmer ebenso, jeder für sich. Die wichtigste Regel ist daher: nicht wie viel jemand zeigt, sondern wie gut.

Sie selbst sammeln auch seit Jahren. Wie muss man sich denn Ihr Zuhause vorstellen? :-)

Immer noch chaotisch, aber viel aufgeräumter als früher. Ich habe mich schon vor einigen Jahren entschlossen, meine Sammlung auszulagern. Bei damals über 500 Geräten (jetzt >1500) war die Frage eher à la Ikea: „Lagerst Du noch, oder wohnst Du schon?“. Jetzt dürfte die Zahl der Computer in meiner Wohnung deutlich unter 50 gesunken sein. Ich zähl aber lieber nicht nach. Selbst der Großteil der Literatur ist inzwischen ausgelagert – obwohl die Entscheidung welches Buch man griffbereit haben will, und welches ins Lager gehört, mir wirklich schwer fällt.

Im Moment habe ich ein ganz akutes Problem mit der Sammlung, da sie derzeit nur übergangsweise in einem alten Lager der Stadt München untergebracht ist. Das Haus soll aber im Frühjahr abgerissen werden, und ich habe noch keine neue Bleibe. Platz ist in München aber schwer zu bekommen, vor allem, wenn es bezahlbar sein soll. Falls Sie also zufällig jemanden mit 200+ m2 verfügbarer Lagerfläche kennen, bin ich über jeden Hinweis dankbar. Ansonsten könnte der Sammlung schon in wenigen Wochen die Schrottpresse drohen.

Das muss natürlich unbedingt vermieden werden – daher hier der dringende Aufruf an unsere Leser in München und dem Umland, sich bei uns oder Hans Franke zu melden, wenn Sie Hilfe wissen:

Herr Franke, die IT-Branche ist getrieben von Fortschritt und Innovationsdruck. Was treibt Sie an, entgegen dem Trend gerade die Relikte der Computertechnik zu schützen?

Hmm. Darauf gibts mehrere Antworten. Zum einen sind es einfach schöne Dinge – und auch Wunschträume zu der Zeit, als sie neu waren. So fängt, glaube ich, jede Sammlerkarriere an. Dazu gehört auch die eigene, selbst erlebte Geschichte, die es verdient aufgehoben und weitererzählt zu werden:

Heute kann man sich nicht mehr vorstellen, dass es mehr als einen Monat gedauert hat, eine Demodiskette im Wert vom 3 Dollar durch den Zoll zu bringen, oder dass man mehr Geld für ein photokopiertes Handbuch ausgegeben hat, als das Handbuch eigentlich kostete – nur damit man es überhaupt bekommt. Raubkopien waren nicht immer und überall eine Sache der Sparsamkeit, sondern oft notwendig um überhaupt an ein bestimmtes Programm zu kommen.

Ein weiterer Aspekt auf dem VCFe ist aber auch moderne Technik. Es geht nicht um das klinisch reine Erhalten von Technik, sondern den aktuellen Spaß daran. So gibt es Leute, die moderne Interfaces von USB bis Bluetooth an alte Rechner adaptieren, oder sogar „verblichene“ CPUs durch ein Neudesign in modernster FPGA-Hardware wiederbeleben.

Es gibt ja mitnichten unnütze Geräte. Es gibt viele Leute, die gerade mit alter Hardware viel lieber arbeiten als mit etwas neuem. Das alte System ist bestens bekannt. So ein Rechner kann wie ein gut eingelaufener Schuh sein. Nicht mehr schön oder neu oder auch gut, aber unheimlich bequem. Man hat sich schließlich über Jahre eine Umgebung geschaffen, die einem taugt. Überlegen Sie nur, was das jedes Mal für ein Aufwand ist, wenn sie auf einen neuen Rechner/Laptop umziehen. Bis alle Programme wieder laufen … das ist fast aufwändiger als mit der realen Wohnung.

Meine eigene Idee ist die Schaffung eines „Museums“. Ich denke dabei weniger an die normalerweise rückwärtsgewandte Sicht eines Museums, dass alte Technik zeigt, sondern einen modernen, realen Ort, der die heutige Umwelt, die ja maßgeblich durch den Computereinsatz geprägt ist, erklärt und dabei auf die einfachen alten Beispiele zurückgreift. Es ist einfach viel leichter und anschaulicher, mit einem C64 zu zeigen, wie Bild oder Ton entsteht, als mit einem modernen Rechner wo oft alles in einem einzigen viereckigen SoC steckt und gar nichts mehr gezeigt werden kann. Natürlich gibt’s da dann auch schöne alte Röhrenrechner, aber eben nicht als Selbstzweck.

Ein alter Robotron-Rechner: Gehegt und gepflegt, ermöglichte er einst vielen Menschen den Einstieg in die IT. Foto: Wolfgang Stief, CC0

Geschichte(n) gibt es viel – gerade für eine so junge Branche. Viele Menschen berichten außerdem sehr emotional über ihre ersten Rechner und haben sicherlich auch mal ein Tränchen in den Augen, wenn sie auf dem VCFE einen alten Amiga oder ähnliche Antiquitäten wiedersehen. Dürfen die Besucher des VCFE die ausgestellten Rechner auch testen?

Aber natürlich. Vorher bitte fragen :) Gerade die erlebte Geschichte ist wichtig. Die puren Technikdaten kann man auch noch in 100 Jahren nachlesen, aber die erlebte Geschichte – wie es war, sein erstes Programm auf Lochkarten abzugeben, oder wie man sich über das erste 10 PRINT „HALLO“ gefreut hat – ist etwas, das nur von Mensch zu Mensch geht. Das VCFe bietet daher auch immer einige Vorträge, bei denen diese Erlebnisse aus der „guten alten Zeit“ im Vordergrund stehen. Wie es wirklich war – nicht, wie es heute aus Sekundärquellen zusammengereimt wird.

Bevor ein Auto zum Oldtimer wird, muss es mindestens 30 Jahre her sein, seit es sein Werk verlassen hat. Gibt es für Ihre Ausstellungsstücke ähnliche Voraussetzungen?

Ein klares „Ja, aber“. Es gibt einmal die „10-Jahresregel“. Die besagt, dass alles, was jünger als zehn Jahre ist, keinen Platz auf dem VCFe hat. 2000 war das auch noch eine wunderbare Trennung, da der PC seine Allmacht erst in den 90ern aufgebaut hat. Heute gibt es dazu zwei Modifikationen:

a) Ein 08/15-PC an sich ist auch nach als 20+ Jahren nicht VCFe tauglich – außer, man stellt ein besonderes Thema aus der damaligen Zeit damit dar – die Schwelle dafür ist aber sehr hoch.

b) Auch Technik, die jünger als 10 Jahre ist, kann VCFe-cool sein. Sie muss aber entweder ältere Technik erweitern/unterstützen, oder aber auch schon zum alten Eisen gehören, so wie viele gute Ideen, die sich nicht durchgesetzt haben. Am Eingang gibt es eine harte Gesichtskontrolle: „Du kommst hier nicht rein“.

Ach ja, das Einzige, für das ein absolutes Verbot auf dem VCFe herrscht, ist aktuelle Hardware für aktuelle Aufgaben und da besonders für Emulationen normaler Hardware. Wir wollen das Echte, nicht das Virtuelle.

Steht die Teilnahme an der Ausstellung denn allen offen? Kann man sich für das diesjährige VCFE noch bewerben?

Aber klar doch. Beim VCFe kann jeder mitmachen. Es gibt viele Möglichkeiten die Geschichte und die Technik zu begreifen, und alle haben auf dem VCFe Platz. Man muss nicht mal einen alten Computer haben. Für nächstes Jahr ist z.B. eine Ausstellung angekündigt, die sich mit Büchern und Lehrmaterialien zu Computern aus den 70ern bis 90ern beschäftigt. Sehr spannend, wie ich finde. Wer eine Idee hat, einfach mal diese an org@vcfe.org schreiben. Wichtig ist nicht die Größe, sondern die Durchführung.

Das gleiche gilt für Vorträge. Wie schon gesagt, suchen wir neben der reinen Technik auch die Geschichten dazu.

Ausprobieren erlaubt! Natürlich mit Unterstützung des Besitzers & Ausstellers.. Foto: Wolfgang Stief, CC0

Das VCFE hat in jedem Jahr auch einen thematischen Schwerpunkt. Welcher wird dies 2012 sein?

Adventures. Mit den Adventures ist die erste völlig neue – ja was eigentlich … Literaturgattung? Kunstform? Medium? – geschaffen worden. So vielfältig wie andere Kunstformen auch sind, so haben die Adventures ein breites Spektrum der Darstellungsformen und Themen erschaffen. Vom Textadventure mit ein paar Gegenständen und einfacher Handlung bis hin zu persistenten Welten mit tausenden Mitspielern. Der Vorschlag wurde von den Ausstellern sehr gut aufgenommen.

Das Thema ist als generelle Leitlinie gedacht, kein Muss. Wer was anderes im Kopf hat, ist genauso willkommen. Oft entstehen aus dem Thema aber ganz interessante Kombinationen. Das Thema wird immer ein Jahr im Voraus festgelegt, so dass genug Zeit zum Nachdenken ist. Auch ist es immer abwechselnd ein eher ‚ernsthaftes‘ und dann ein eher ‚privates‘ Thema. Es steht zwar noch nicht fest, aber nächstes Jahr könnte „Lernen“ das Thema werden.

Außerdem gibt es ein Vortragsprogramm und einen Flohmarkt. Klingt, als sei das VCFE ein Festival für alle Technikinteressierten: Die Nerds und Geeks wie auch die, die gern daddeln oder einfach nur mal einen C64 besessen haben. Sind das auch die Besucher des VCFE? Alte und Junge, Familien und Usergroups?

Ja, genau. Jeder mit einem offenen Verstand (und Herzen) ist hier richtig.

Herr Franke, ich danke für das interessante Gespräch!

Das nächste VCFe findet Ende April in München statt. Mehr Infos per Klick auf folgende Grafik:

 

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