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Von Spielen und Märchen im Büroalltag: Gamestorming revisited

Moderation, Präsentation, Kommunikation, Innovation: In letzter Zeit haben sich verschiedene Publikationen von O’Reilly mit den oft und zu Unrecht vernachlässigten „Soft Skills“ im Alltag von Unternehmen und Organisationen beschäftigt. Wir haben diese Bücher von Fachleuten OHNE IT-Hintergrund auf Herz und Nieren prüfen lassen.

Christian Blum und Simeon Reusch über Gamestorming – Ein Praxisbuch für Querdenker, Moderatoren und Innovatoren:

Was ist eigentlich eine Präventiv-Obduktion? Und was ist ein Pinocchio-Produkt? Was erst einmal relativ obskur klingt, soll einen harten Nutzen haben. Die Rede ist von Spielen. Und zwar nicht irgendwelchen Brettspielen, sondern Spielen für Seminare und Teammeetings, die komplexe Problemstellungen lösen können.

Wie soll das überhaupt funktionieren? Ein Beispiel: Die Präventiv-Obduktion steht am Beginn eines Projekts. Die Spielenden tun so, als wäre ihr neues Projekt bereits gelaufen und grandios gegen die Wand gefahren. Alle betreiben genüsslich Fehleranalyse. Das macht einerseits Spaß, hat andererseits aber den Nutzen, dass die Teammitglieder besser sagen können, was sie tatsächlich denken – das Szenario ist ja fiktiv. Im Rahmen einer formellen Risikoanalyse wäre das wahrscheinlich unmöglich. So hilft ein simples Spiel, eine große Zahl an möglichen Problemquellen eines Projekts bereits frühzeitig zu identifizieren.

Wer spielt, bewegt sich in einem veränderten Denkrahmen, den die Spielregeln vorgeben. Hier darf man sich anders verhalten als sonst. Man muss es sogar, um in der anderen Welt erfolgreich zu sein. Und das, so der Grundgedanke, kann ungeahnte Kreativität freisetzen.

Spiele dieser Art sammeln Dave Gray, Sunni Brown und James Macanufo in ihrem jetzt ins Deutsche übertragenen Buch Gamestorming – Ein Praxisbuch für Querdenker, Moderatoren und Innovatoren. Als eine Art Grimms Märchen für Teamleiter wollen sie ihr Werk verstanden wissen. Da haben sie viele Brüder auf dem Buchmarkt! Tatsächlich gehören Sie zu den lesenwerten Autoren unter den Spielesammlern – und für knapp 30 Euro zu den günstigeren. Die drei Berater beschreiben über 80 unterschiedliche Spiele für Workshops und Seminare kurz und einsatztauglich. Damit decken sie eine Vielzahl von Szenarien ab – von der Strategiebesprechung über die Produktentwicklung bis hin zum Mitarbeiterklima.

Dennoch und Aber und Jedoch: Funktioniert so ein Spiel? Lassen sich Mitarbeiter, Kunden und Partner auf das Experiment ein? Oder finden sie das ganze schlicht albern? Diese Frage ist eine der professionellen Anwendung. Tipps gibt es dazu gleich in den ersten Kapiteln. Die Anwendungsbeispiele am Ende sind so kurz und rosig, dass sie zu märchenhaft klingen. Dabei gilt selbst bei den Gebrüdern Grimm: Zu einer guten Geschichte gehören grausame Momente – und zum glücklichen Ende das Lernen aus Fehlern. Hier gibt es deutlich mehr zu sagen, als im Buch steht.

Wenn unsere Kunden und Mitarbeiter mit Rollenspielen konfrontiert werden, steht in vielen Gesichtern in blinkenden Lettern geschrieben: Was bringt mir der Kram jetzt in meinem Berufsalltag? Wer darauf keine situationsspezifische Antwort hat, sollte das Spielen lassen.

Mit ein wenig Mut, guter Vorbereitung und wachsender Erfahrung kann sich der Leser mit Gray,  Brown und Macanufo an Spiele im Büroalltag wagen. Ein guter Einstieg ist das Pinocchio-Produkt. Kein Märchen und kein Spiel mit langer Nase, das nicht hält, was es verspricht sondern die Aufforderung, ein Produkt so zu betrachten, als habe es eine eigene Persönlichkeit. Unser Probeprodukt war dieses Buch – und wir haben ihm schnell das Du angeboten.

Christian Blum ist Consultant bei der von ihm mitgegründeten Kommunikationsberatung und -akademie Blum|Fischer|Rumohr. Der diplomierte Politikwissenschaftler war 2002 Deutscher Debattiermeister und 2003 bester Deutscher Redner. 2007 veröffentlichte er das Buch Debattieren. Die Königsform der Rhetorik erlernen.
Aktuelle Schwerpunkte seiner Arbeit sind Betriebsorganisation, Gesprächsführung und Produktstrategie.

 

Simeon Reusch hospitiert momentan bei Christian Blum und seinen Kollegen. Ansonsten studiert er Philosophie und Politikwissenschaft in Halle an der Saale und ist Vizepräsident des Verbands der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH).

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