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Frauen in MINT-Berufen – a breath of fresh air!

Meinen Kolleginnen und mir geht es mit dem Thema „Frauen in der IT“ in etwa so: Schon einige Jahre in der IT-Branche gearbeitet, eher nebenbei „Gender-Beobachtungen“ gemacht wie beispielsweise „Auf einer GUUG-Veranstaltung sind weniger Frauen anzutreffen als auf einer re:publica.“, mit Sympathie von Initiativen wie den webgrrls oder der Informatica Feminale gelesen oder auch schon mal ein Girl Geek Dinner besucht. Das Thema „Frauen in der IT“ interessiert uns (naturgemäß), aber im beruflichen Alltag ist es irgendwie immer zu kurz gekommen.
Und weil es vermutlich vielen so geht, wollen wir unser Verlagsblog nutzen, um in loser Folge Frauen und Männer, die sich mit dem Thema „Frauen in der IT“ oder Gender-Fragen beschäftigen, zu Wort kommen zu lassen, Initiativen, die Frauen in unserer Branche unterstützen wollen, vorzustellen oder kontroverse Standpunkte wiederzugeben. Mal sehen, was sich ergibt. Selbstverständlich sind Kommentare willkommen und wer Vorschläge für Blogbeiträge hat, bitte melden. Als ich anfing, mich mit der Idee einer Blogreihe zu beschäftigen, habe ich natürlich auch „Frauen IT“ gegoogelt und fand ausgerechnet auf Rang eins der Trefferliste eine Website mit Witzen über Frauen. Und obwohl ich gern über politisch unkorrekte Witze lache, dachte ich bei diesem Suchergebnis: Das muss doch wohl nicht sein.

Der erste Beitrag unserer Reihe kommt von zwei Vorstandsfrauen der webgrrls.de, die einen Überblick über die aktuelle Situation von Frauen in der IT geben. Sie haben hierfür interessante Zahlen zusammengetragen und weisen auf Initiativen zur Unterstützung und Förderung von Frauen in der IT hin.

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Frauen in MINT-Berufen – a breath of fresh air!
Zum Thema „Frauen in der IT“ von Sabine Möbs und Verena Osgyan, Vorstand webgrrls.de e.V.

Im Jahr 15 nach Erfindung des grafischen Webbrowsers scheint der Gender Gap im Netz beinahe überwunden: Mit 20 Millionen weiblichen gegenüber 22,7 Millionen männlichen Onlinenutzern nähert sich in Deutschland die Geschlechterverteilung im Internet immer mehr an. Unter den „Digital Natives“ zwischen 14 und 19 Jahren sind Mädchen und Jungen gleichermaßen fast zu 100 % im Netz vertreten, eine Auswertung des US-amerikanischen Marktforschungsunternehmens Rapleaf zeigt: Social Networking ist weiblich, unter den Nutzern von Facebook, Myspace und Flickr stellen Frauen die Mehrheit. Und auch in Deutschland sind Frauen im World Wide Web stark auf dem Vormarsch, die als Bloggerinnen bekannt gewordenen Web 2.0 Protagonistinnen wie Mercedes Bunz oder Katharina Borchert leiten mit DerWesten und Tagesspiegel.de mittlerweile zwei der reichweitenstärksten deutschen Zeitungsportale.

Webgrrls.de, das Netzwerk für weibliche Fach- und Führungskräfte in den neuen Medien, vereint aktuell mehr als 700 Frauen aus so verschiedenen Bereichen wie Software-Entwicklung, Webdesign, Online-Marketing, Online-Redaktion, E-Learning oder IT-Beratung und Coaching. Was zeigt, dass wir von einem recht bunten Haufen mit unterschiedlichsten Qualifikationen und Zielsetzungen sprechen und Frauen auch abseits der klassischen Informatiker-Schiene vielfältige Möglichkeiten haben, in und mit den neuen Medien Karriere zu machen.

Warum also dem Status von Frauen in der IT noch mehr als eine wissenschaftliche Fußnote widmen? Dazu einige weniger erfreuliche Zahlen:

Bei der größten Computerspielmesse Europas, der „Games Convention“ in Leipzig, waren im August 2007 gerade mal ein Fünftel der Besucher Frauen.

Laut einer Analyse aus dem Jahr 2006 waren Frauen in Führungspositionen der IT-Industrie mit insgesamt rund 15 Prozent ebenfalls noch deutlich unterrepräsentiert: Dies belegen Zahlen des auf Wirtschaftsdaten spezialisierten Unternehmens Databyte. In einer repräsentativen Untersuchung wurde dazu die Geschlechterverteilung von Entscheidern in rund 800.000 handelsregisterlich eingetragenen Unternehmen untersucht. Davon waren zirka 30.000 dem Segment der Online-Dienstleister zuzurechnen.

Die Anzahl der Informatikstudentinnen sinkt in Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich und beträgt laut Gesellschaft für Informatik e.V. (GI) mittlerweile in der Bundesrepublik unter 15%. Dies ist im europäischen Vergleich ein Trauerspiel, denn selbst in eher konservativen südeuropäischen Länden wie Spanien und Italien beträgt der Anteil an weiblichen Studenten in IT-relevanten Fächern in der Regel über 30%.

Ein ähnlich tristes Bild der weiblichen Beteiligung zeigt sich bei der dualen Ausbildung: Innerhalb von fünf Jahren hat sich hier der Frauenanteil in den IT-Berufen von 14 % auf 9 % verringert.

Nach dem Studium verdienen sie dann im Schnitt 25% weniger als ihre männlichen Kollegen, was den durchschnittlichen Einkommensunterschied über alle Branchen von ca. 23% sogar noch toppt. Auf diesen Umstand macht der BPW Club Deutschland bereits seit mehreren Jahren mit der Aktion rote Tasche gegen rote Zahlen und dem bundesweiten Equal Pay Day am 20. März aufmerksam.

Recht viel mehr liegt zu diesem komplexen Thema jedoch nicht vor. Der Bereich ist wenig erforscht und eine umfassende Studie zu Frauen in der IT steht bis dato noch aus. Dennoch lässt sich der Schluss ziehen: Je technischer das Berufsfeld und je angesehener der Posten, desto schwerer scheinen Frauen in der IT an und vor allem voran zukommen.

Müssen diese seltenen Pflanzen also zukünftig mehr gehegt und gepäppelt werden, um Schwellenängste abzubauen? Des Feminismus gänzlich unverdächtige Gruppierungen wie der Branchenverband BITKOM meinen: Ja. Deutschland drohe in Zukunft ein Fachkräftemangel wenn die Ressource „Frau“ nicht besser ausgeschöpft werde.

Es bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, wie sich interessierte junge Frauen Unterstützung und Anregungen holen, aber auch selbst aktiv werden können. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung startet gerade einen nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen und der Girl’s Day steht auch in diesem Jahr wieder an. Junge Frauen, die sich informieren möchten oder einen Einstieg in das Thema suchen, finden inzwischen eine Vielzahl von Programmen, die individuelle Kontakte in Kombination mit Einblick in den Berufsalltag bieten. Cybermentor bietet Schülerinnen den Kontakt zu einer persönlichen E-Mail-Mentorin und für diejenigen, die der Programmiervirus schon erwischt hat und die zeigen wollen, dass Frauen kreativ mit Technik umgehen können, sind die Haecksen – die weibliche Sektion des CCC – eine gute Plattform. Die Webgrrls mit ihren bundesweit verteilten regionalen Gruppen bieten denjenigen, die sich für einen Beruf im weiteren Umfeld „Neue Medien“ interessieren, die Möglichkeit zum Austausch und gemeinsamer Arbeit. Als kulinarisches und kommunikatives Highlight für (zukünftige) IT’lerinnen gibt es das Girl Geek Dinner.

Beste Klimabedingungen finden junge Wissenschaftlerinnen bei unseren britischen Nachbarn, wo die „Times on Sunday“ unlängst erklärte „Why geeks are suddenly chic“. Bleibt zu hoffen, dass mit steigender Zahl von Frauen auch bei uns bald eine frische Brise in der IT einzieht, die das eine oder andere Vorurteil endgültig vertreibt.

Über die Autorinnen:
Sabine Möbs ist Diplom-Wirtschaftsinformatikerin und promoviert derzeit als PhD Candidate mit dem Spezialgebiet Quality of Experience in e-Learning und Blended Learning an der Dublin City University. Verena Osgyan ist Diplom-Kommunikationsdesignerin und Electronic Marketing Fachwirtin und betreut für die ARD den Bereich Marketing für die Internetportale ARD.de und DasErste.de. Beide sind seit 2008 im Vorstand der webgrrls.de e.V., dem bundesweiten Netzwerk für Frauen in den neuen Medien.

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5 Kommentare

  1. Die „Ressource Frau“, die es laut Bitkom-Verband besser auszuschöpfen gilt, lässt sich vielleicht besser über ganz bestimmte Tätigkeiten und Berufe in der IT ansprechen. Abgesehen von dem meiner Meinung nach weit verbreiteten und sicher nicht unnatürlichen Desinteresse an stark technik-lastigen Berufen ist evtl. auch die zu allgemeine „Werbung“ für IT-Berufe eine Mit-Ursache für niedrige Frauen-Quoten. Ich könnte mir vorstellen, dass gezielte Aufklärung zu einzelnen Berufsfeldern hier den Anteil erhöhen kann. Insbesondere zu Berufen, die auch hier im Zusammenhang mit den Webgrrls genannt werden, da diese ja oft eine Kombination aus Technik und Marketing oder Psychologie-Wissen bedeuten.

  2. Da spielen sicherlich sehr viele verschiedene Faktoren zusammen. Mehr Männer, die das entsprechende Grundinteresse haben, mehr Männer, die (noch) die Entscheider sind, mehr Männer, die beruflich einen Fulltime-Job wollen.
    Ich denke, das darf man alles nicht vergessen, wenn man über die Frauenquote spricht.
    Gleichberechtigung für alle, das finde ich super und aller Ehren wert. Es wird aber häufig sehr einseitig und manipulativ argumentiert.
    Also – klasse Artikel. :-)

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